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Sinforfer Orgelgeschichte

Die historische Orgel der Ulrichkirche (1800-1955)

Bislang wurden Forschungen zur Sindorfer Kirchenmusik vor allem von Konrad Honings unter dem Blickwinkel „Chor – Chorleiter – Konzerte“ betrieben. Die Suche nach Spuren der Sindorfer Orgelgeschichte gestalten sich recht schwierig, da offenbar zahlreiche hierfür bedeutsame Dokumente in den Wirren der letzten Kriegstage im Februar 1945 verloren gingen. Erste Unterlagen finden sich im Historischen Archiv des Erzbistums Köln. Es handelt sich um die Jahresabrechnung der Kirchengemeinde 1827.

St. Ulrich im Jahre 1905
St. Ulrich im Jahre 1905

Dort findet sich die Ausgabeposten „Organist“ und „Balgtreter“. Dies sind die ersten konkreten Hinweise auf eine Orgel in Sindorf.
Eine weitere Erfolg versprechende Spur zur Herkunft dieses Instrumentes stammt vom Orgelforscher Prof. Martin Blindow (Münster). Bei Forschungsarbeiten zur Orgelbauerfamilie Brammertz-Gilmann (Kornelimünster) stieß er auf einen Hinweis, dass im Jahr 1804 eine von J.J. Brammertz erbaute Orgel mit 12 Registern aus dem Jahr 1728 von der Pfarrkirche Brühl nach Sindorf gekommen sein soll.

Passend hierzu wird in der Orgel-Chronik von St. Margareta Brühl zur Orgel geschrieben:
1728: Anstelle der alten Orgel wird eine neue "mit samt Kasten" von einem Orgelbauer aus Kornelimünster geliefert.
1804: Aus St. Laurens in Köln wird eine Orgel gekauft, deren Gehäuse bis heute erhalten ist.
Es ist allerdings kaum anzunehmen, dass der Kauf der Orgel vor dem schweren Brand der Ulrichkirche 1805 getätigt wurde. Da nach den Archivunterlagen die Orgel 1827 bereits vorhanden war, kann von einer Anschaffung nach 1805 und vor 1827 ausgegangen werden. Ob dies das erste Instrument in Sindorf war, kann heute nicht gesagt werden.

Aus den Unterlagen zum Umbau der Orgel für die Marienkirche lassen sich für das Instrument folgende Details zusammenfinden:
- Es handelte sich um ein pneumatisches, 2-manualiges Instrument mit (im Jahr 1955) 15 Registern.
- Einige der nicht wieder verwendeten Teile, vor allem aus dem Rückpositiv, stammten offenbar vom Ursprungsinstrument und wurden vom Kirchenvorstand als denkmalwürdig eingestuft, u.a. Teile eines kleines Prospekts mit stummen Pfeifen, ein am Orgelprospekt vorhandenes Altargehänge und eine „Seitenwand aus dem Barock“. Der Verbleib dieser Teile ist derzeit nicht bekannt. Seinerzeit wurde empfohlen, diese Teile einer Gemeinde zukommen zu lassen, die hierfür Verwendung hätte.

Aus den Firmenakten der Firma Weimbs ergibt sich, dass folgende Register vorhanden waren und für den Umbau Verwendung fanden:

Grundriss der Ulrichkirche 1893
Grundriss der Ulrichkirche 1893
  • Gedackt 8‘
  • Oktav 4‘
  • Rauschquinte 2‘
  • Trompete 8‘
  • Salicional 8‘
  • Rohrflöte 8‘
  • Gemshorn 4‘
  • Aeoline 8‘ (Umbau zu Flöte 2‘)
  • Subbass 16‘
  • Tuba 16‘

Über die restlichen 5 Register ist derzeit nichts bekannt. Leider fehlt im Archiv des Generalvikariats der im Frühjahr 1944 für jede Orgel abzugebende Erfassungsbogen, in dem zum Zweck der Metallabgabe für die Rüstungsindustrie die einzelnen Register anzugeben waren, ausgerechnet für die Sindorfer Kirche. Im Jahr 1944 mussten aus fast jeder Orgel 2-3 Register ausgebaut und abgeliefert werden. Daher kann auch nicht gesagt werden, ob bis zu diesem Zeitpunkt weitere Register vorhanden waren bzw. welche der 1955 vorhandenen Register Ersatz für die ausgebauten Register waren. Das Aeolinenregister spricht dafür, dass zu einem nicht bekannten Zeitpunkt die barocke Orgel um romantische Register erweitert wurde.

Umbau der Orgel der Marienkirche (1955-1961)

Bei der Planung der neuen Pfarrkirche St. Maria Königin Anfang der 50er Jahre wurde zunächst davon ausgegangen, dass – wenn auch nicht sofort – ein Orgelneubau die Kirche ergänzen sollte. Dieser Wunsch von Pfarrer Stratmann und Organist Fassbender konnte nicht erfüllt werden. Aus Geldmangel war die Gemeinde gezwungen, die Orgel der Ulrichkirche für die neue Kirche umzubauen.

Der bauliche Zustand dieser Orgel war offenbar recht schlecht. Die Windladen des I. und II. Manuals mussten vollkommen überholt werden. Zusätzliche Kosten verursachte die notwendige Beseitigung des Holzwurms, die Erneuerung der Membranen und teilweise der Pfeifenstöcke. Als Preis war im Kostenvoranschlag 16.895 DM angegeben.

Heute eine gering anmutende Summe, aber auch dieser Betrag war damals kaum aufzubringen. Resigniert 1960 schrieb Pfarrer Stratmann an die Orgelbaufirma:
„Bisher habe ich von Köln noch nichts gehört wegen eines geldl. Zuschusses für unser Orgelprojekt. Mir scheint, dass wir auch bei diesem Vorhaben auf uns selbst gestellt sind. Nun müssen wir brav tun, was die Behörde verlangt, aber eine Hilfe gibt es nicht.“

Probe zur Orgelweihe 1961
Probe zur Orgelweihe 1961

Trotz aller Widrigkeiten konnte die Orgel (Nr. 50 in der opus-Liste der Fa. Weimbs) in zwei Bauabschnitten fertig gestellt werden. Die festliche Orgelweihe fand am 22. Oktober 1961 statt. Der damalige Orgelsachverständige des Erzbistums Köln und Domorganist Prof. Josef Zimmermann spielte Werke von Stanley, Mozart, Reger, Milhaud sowie Langlais und führte nach dem Schlusslied die Orgelregister in Form freier Improvisation vor. Er schrieb Folgendes:

ABNAHMEGUTACHTEN
Am 22. Oktober 1961 prüfte ich die neue Orgel der katholischen Pfarrkirche ST. MARIA KÖNIGIN in Sindorf. Das Werk ist unter Verwendung wesentlicher Teile der alten Orgel – Windladen, Pfeifenwerke – von der Firma Weimbs, Hellenthal/Eifel hergestellt worden. Die Orgel zählt 19 Register, nach folgender, von mir entworfener Disposition:

I. Manual HAUPTWERK C–f'''
1 Prinzipal 8'
2 Gedackt 8'
3 Quintatön 8'
4 Oktav 4'
5 Schwegel 2'
6 Sequialter 2fach
7 Mixtur 4fach 1 1/3'
8 Trompete 8'
II. Manual POSITIV C – f'''
9 Salicional 8'
10 Rohrflöte 8'
11 Gemshorn 4'
12 Flöte 2'
13 Zimbel 2fach 1'
14 Krummhorn 8'
III. Pedal C-f'''
15 Subbaß16'
16 Offenbaß 8'
17 Gedacktbaß 8' cb.
18 Piffaro 2fach 4' u. 2'
19 Posaune 16'

Es ist der Firma Weimbs gelungen, die alten und neuen Register zu einem homogenen Ganzen zusammenzufügen. Die einzelnen Register sind von charakteristischer Prägung; das ORGANO PLENO wirkt frisch und lebendig, ohne aufdringlich zu sein. lediglich zwei Register erfüllen zwar ihren Zweck, sollten später bei Gelegenheit aber einmal ausgewechselt werden: Trompete 8' des Hauptwerkes und die Flöte 2' (umgebaut aus Aeoline 8‘).
Technisch ist nichts auszusetzen; sämtliche Funktionen des Spieltisches arbeiten störungsfrei.
Das Vollgehäuse aus Mahagoni ist ein Schmuckstück und in seinen einfachen Formen dem Kirchenraum sehr gut angepasst.
Alles in Allem ein neuwertiger Umbau, der als gut gelungen bezeichnet werden muß. Die Gesamtkosten, einschließlich Gehäuse und aufgelaufenen Lohnerhöhungen ca. 30.000 DM, erscheinen mir angemessen.
Ich kann die Orgel ohne Beanstandungen abnehmen und beglückwünsche die Pfarrgemeinde zu dem schönen Werk.

Köln-Holweide , den 28. Oktober 1961
Josef Zimmermann

Mönch-Orgel der Marienkirche (70er-Jahre - 1996)

Erhebliche Mängel an der Orgel, die, aus der Not geboren, von Anfang an keine optimale Lösung für St. Maria Königin darstellte, führten schon in den 70er-Jahren zum Wunsch, einen Neubau in Auftrag zu geben. Aber erst Anfang der 90er-Jahre konnte dieser ernsthaft in Angriff genommen werden. Ein Gutachten des Orgelsachverständigen des Erzbistums Köln, Prof. Möller, riet, an der alten Orgel nur noch notwendigste Reparaturen vorzunehmen. Aufgrund einer von ihm erstellten Disposition wurde für St. Maria Königin eine Orgel von der Überlinger Firma Mönch gebaut und im September 1996 geweiht. Eine Besonderheit der Orgel ist das Solowerk, welches mit Zungen- und Cornettstimmen besetzt wurde, die eigentlich zum Hauptwerk gehören. Mittels dieser Lösung werden die Registrier- und Spielmöglichkeiten der mit nur 31 Registern nicht sehr großen Orgel beträchtlich erweitert.

Die Orgel ist seither weder aus den Gottesdiensten noch aus dem Konzertleben wegzudenken. Zahlreiche Organisten aus Deutschland und dem europäischen Ausland konzertierten in Sindorf, u.a. in den überregional beachteten "Sindorfer Orgelnächten".

Die alte Orgel wurde agebaut und die Pfeifen gegen Spenden für die neue Orgel verkauft.

Orgelsituation in der Ulrichkirche nach 1961

Harmonium Hofberg
Harmonium Hofberg Hersteller: Hofberg, Leipzig; 19 Register

Nach dem Ausbau der Orgel behalf man sich in der Ulrichkirche, die nun vor allem für Hochzeiten, Beerdigungen und Sonntag-Abend-Messen Verwendung fand, mit dem Harmonium, das seit 1956 die Gottesdienste in der Marienkirche begleitet hatte.

Aber es sollte bereits in den 70er Jahren auch wieder eine Orgel für die Ulrichkirche angeschafft werden. Organist Albert Elbert schrieb 1973 an die Fa. Weimbs:

„Im August diesen Jahres beginnen in unserer Kirche St. Maria Königin Reparaturarbeiten, die etwa 1 ½ Jahre dauern sollen. In dieser Zeit wird die dort stehende Orgel völlig zugebaut und für diese Zeit unbrauchbar. In dieser Zeit wird der Gottesdienst in der alten Kirche gehalten, in der jetzt nur ein Harmonium steht. Zwar ist die Kirchengemeinde durch die Reparatur finanziell stark belastet, doch ist man bereit, bei einem günstigen Angebot bis etwa DM 8.000.- eine kleine, gebrauchte Orgel für diese Kirche zu kaufen.“

Auch wenn Herr Elbert kurz vor dem Staatsexamen in Musik stand und, wie er schrieb, „dringend auf eine Übungsmöglichkeit“ angewiesen war, hat sich auch diese Problem nicht kurzfristig erledigt.
Das Orgelpositiv der Firma Weimbs (3 1/2 Register), erst 1978 (also nach dem Weggang von Herrn Elbert) zum Preis von 20.000 DM für die Kirche St. Ulrich angeschafft, entspricht den heutigen Maßstäben nicht mehr und ist für liturgische Zwecke ebenfalls nur ein Notbehelf.

Orgelneubau für die Ulrichkirche

Die neue Weimbs-Orgel, im Mai 2010 eingeweiht.
Die neue Weimbs-Orgel, im Mai 2010 eingeweiht.

Seit Mai 2010 besitzt St. Ulrich wieder ein vollwertiges Instrument. Gemeinsam mit der Kirchenmusikerin und dem Orgelsachverständigen enschied sich die Kirchengemeinde Ende 2008 für ein Angebot der Firma Weimbs Orgelbau aus Hellenthal, das ein Instrument mit 11 Registern links im Kirchenschiff vorsieht. Hierdurch wird nicht nur ein optimales Klangergebnis erzielt, sondern das Musizieren mit Chor oder Instrumenten bereits aus Platzgründen wesentlich erleichtert.

Die Orgel wurde am 2. Mai 2010 in einem Verspergottesdienst geweiht. Erste Eindrücke zum neuen Instrument und Presseberichte zur Orgelweihe und dem ersten Konzert finden sie hier. Sollten Sie an Fotos zum Verlauf der Bauarbeiten interessiert sein, können Sie auf der Seite der Firma Weimbs aussagekräftige Fotos betrachten.

Bedauerlich bleibt jedoch, dass mangels rechtzeitiger Nachforschungen der Wert der historischen Teile der alten Orgel nicht hinreichend erkannt wurde und das Instrument gänzlich verloren ist. In der Schlosskirche Brühl St. Maria von den Engeln wurde die im Krieg zerstörte Orgel durch ein vergleichbares Instrument aus Weilerswist (ursprünglich für Lechenich, ebenfalls von Jakob Brammertz, 1727) ersetzt, das durch die Firma Klais 1967 erfolgreich rekonstruiert und eingebaut wurde.

Josef Wieland & Walter Bässler
(Stand: Juli 2010)